Im Garten der Pfade, die sich verzweigen. Jacques Derridas Heidegger-Seminar von 1964/65: La question de l’Être et l’Histoire | Die Seinsfrage und die Geschichte

Zu den nicht geringsten Paradoxien der Rezeptionsgeschichte Heideggers in Frankreich mag wohl die Tatsache zählen, dass dessen frühes Hauptwerk von 1927 erst Mitte der 1980er Jahre in einer vollständigen Übersetzung vorlag.1 Noch Michel Foucault konnte der Aussage, sein gesamter philosophischer Werdegang sei durch die Lektüre Heideggers bestimmt worden, unmittelbar das Geständnis folgen lassen, Sein und Zeit praktisch nicht zu kennen.2 Fast drei Jahrzehnte lang bot die von Henry Corbin3 übersetzte, 1938 bei Gallimard veröffentlichte Anthologie Qu’est-ce que la métaphysique? dem französischen Muttersprachler die einzige Möglichkeit, ausgewählte Abschnitte aus Sein und Zeit ohne langwieriges Germanistikstudium kennenzulernen.4

Von Sartre und Merleau-Ponty, beide damals Mitarbeiter bei Gallimard, bereits Ende der 40er Jahre in Auftrag gegeben, erschien die von Alphonse de Waelhens und Rudolf Boehm erstellte Übersetzung des ersten Abschnitts von Sein und Zeit erst im April des Jahres 1964, die des zweiten überhaupt nicht mehr. Diese Verspätung ist symptomatisch und mag, wie es Dominique Janicaud vermutet, vom universitären Interesse zeugen, das Arkanum eines Werkes und mithin das Prestige seiner Auslegung durch linguistische Unzugänglichkeit zu perpetuieren.5

Nun ist 1964 aber zugleich das Jahr, in dem Jacques Derrida, als junger Lehrer zuständig für die Vorbereitungskurse zur agrégation an der École normale supérieure, ein Seminar mit dem Titel Heidegger: die Seinsfrage und die Geschichte anbieten wird. Dieses Seminar, das Derrida ursprünglich in Buchform veröffentlichen wollte6, erschien Ende des Jahres 2013 im Rahmen einer kontinuierlich fortgesetzten Gesamtausgabe der Seminare, die er seit 1960 bis zu seinem Tod an verschiedenen Pariser Lehrinstitutionen – seit 1960 zunächst an der Sorbonne, von 1964 bis 1984 an der ENS, schließlich an der École des hautes études en sciences sociales – abgehalten hat.7 Bei diesen Seminaren handelt sich – anders etwa als bei denjenigen Lacans – um schriftlich ausgearbeitete Manuskripte, die in stetem Rhythmus dem Zweiwochentakt der Lehrveranstaltungen folgen. Aus diesen Konvoluten entstand durch Herauslösung und Ausarbeitung ein nicht unbeträchtlicher Teil des veröffentlichten Werks. Ihre schrittweise Publikation erlaubt folglich einen neuen Einblick in die Genese von Derridas Denken als einer lebenslang betriebenen Schreib- und Lehrpraxis. Weiterlesen

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Raymond Roussel: Die Allee der Leuchtkäfer

„Einige werden posthum geboren.“

Friedrich Nietzsche

Trezel und Joussac, die beiden bibliophilen Antiquare aus Raymond Roussels erstem Theaterstück Der Stern auf der Stirn, hätten dem Publikum von einem solchen Fund nur mit Staunen berichten können: Da stirbt ein Pariser Autor, dem das Gefühl des Ruhmes alles war – die Akten der sizilianischen Behörden führen ihn als „Armand Roussel“1 – am 14. Juli 1933 unter bis heute ungeklärten Umständen in einem Luxushotel in Palermo: das leise Verschwinden eines Unbekannten. Fünfundfünfzig Jahre später entdeckt man im Dachstuhl eines Pariser Möbellagers mehrere Umzugskisten voller Manuskripte, Notizhefte, Reisetagebücher, Briefe, Widmungsexemplare und Photographien desselben Autors. Es ist der jahrzehntelang verloren geglaubte Nachlass Raymond Roussels.2 Unter den Tausenden von Seiten – darunter die monumentalen Werke La Seine und Les Noces – befindet sich auch das Typoskript eines Romanfragments, das Roussel selbst in seinem letzten Text Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe erwähnt, und zwar als „eine Episode, die gleich nach Locus Solus geschrieben und von der Mobilmachung im Jahr 1914 unterbrochen wurde; darin ist vornehmlich von Voltaire die Rede und einem Ort voller Leuchtkäfer“. Diese Allée aux lucioles erschien 2008 erstmals in Buchform bei den presses du réel in Dijon, um ein Jahr darauf in den neunten Band der Œuvres complètes aufgenommen zu werden. Meine deutsche Übersetzung der Allee der Leuchtkäfer ist nun zusammen mit Flio, einem anderen, von Michel Leiris bereits in den 60er Jahren veröffentlichten Nachlasstext Roussels, bei zero sharp erschienen, gestaltet und illustriert von Anton Stuckardt.

R. R. – eine Verdopplung von Anfang an..
R. R. – eine Verdopplung von Anfang an..

Roussels Allee der Leuchtkäfer beginnt zunächst wie ein zweites Locus Solus: Wieder ein Park, wieder ein Anwesen, wieder ein reicher, ganz für seine Studien lebender Gelehrter, kein Erfinder zwar wie Martial Canterel, aber ein Sammler und Liebhaber kostbarer Bücher. Doch bald schon ist alles anders, bald schon versetzt uns Roussel in einer sich immer weiter verschachtelnden Reihe von Erzählungen an die Tafel Friedrichs des Großen, der die sommerlichen Abende von Sanssouci im Schein der umherschwirrenden Leuchtkäfer mit den großen Repräsentanten des französischen Geistes verbringt. Mit leiser Ironie sabotiert Roussel die „großen Erzählungen“ der Geschichte, diese erstarrten Texturen der Tradition, um historische Figuren, Narrative und Kunstwerke in immer neue, schwindelerregende Konstellationen zu bringen. Und so ist dies auch ein Text, dessen „karnevaleske Vision der Welt und des menschlichen Tuns“3 uns lehren könnte, Roussel, den Erfinder jenes berühmten „Verfahrens“, das „einigen“ seiner Bücher zugrunde liegt, anders und neu zu lesen. Verdient hätte er es.


1 Siehe Leonardo Sciascia: Atti relativi alla morte di Raymond Roussel, Palermo: Edizioni Esse, 1971, S. 41: „Questa distrazione del cancelliere della Regia Pretura (firma illeggibile) ci rimpie di stupore più del cielo stellato sopra noi.“

2 Zur genauen Geschichte sowie zur Archivierung des Nachlasses: Revue de la Bibliothèque nationale, n° 43 (1992): Découvrir Raymond Roussel.

3 Patrick Besnier: „L’Allée aux lucioles“, in: François Piron (Hrsg.): Locus Solus. Nouvelles Impressions de Raymond Roussel, Dijon: les presses du réel, 2013, S. 106.

Drei Erfinder: Jean-Pierre Brisset, Raymond Roussel, Marcel Duchamp

Jean-Pierre Brisset, Raymond Roussel, Marcel Duchamp: drei Männer, deren Namen nicht nur durch ihre geistige Physiognomie, durch die Verfahrensweisen ihrer Werke und die Rezeptionsgeschichte miteinander verbunden sind. Die Ähnlichkeiten reichen noch weiter, bis in einzelne biographische Details, Zufälle und Koinzidenzen. Die oft konstatierte Neigung, ästhetische Probleme als solche der Methode zu behandeln, hat sich bei allen dreien zugleich in einem besonderen, weniger bekannten Interesse an der Realisierung technischer Innovationen niedergeschlagen. Und so teilen sich Brisset, Roussel und Duchamp das Verdienst, jeweils ein Patent beim französischen Office national de la propriété industrielle angemeldet zu haben. Gerade in ihrer Distanz zu den eigentlichen, kanonisierten Werken gehören diese Erfindungen ihnen an, sie bilden deren aufschlussreiches Supplement, ihre andere Seite. Weiterlesen

Das Grab von Raymond Roussel

Die Leiche verwest: Sie verweist. Sie verweist, insofern sie verwaist ist.

Die Leiche ist ein Zeichen. Sie verweist auf den Verstorbenen, der nicht mehr ist, indem sie ihm zu ähneln beginnt. Der Tote wird zu seinem eigenen Bild: zu einem Bild, das ihm ähnelt, nur weil er selbst nichts und niemandem mehr ähnelt.

Der Tote befindet sich an einem festen Ort und hat doch jedes konkrete Hier des einmal Lebendigen verloren. Er ist hier und nirgends zugleich: Gegenwart einer Abwesenheit. Wir geben ihm eine Statt, damit er uns nicht mehr heimzusuchen droht. Das Grabmal schützt uns vor dem Toten, der nie tot genug ist. Es selbst ist ein Zeichen, ein Index, der dem absolut Ortlosen ein Hier verleiht. Das Geschriebene beginnt mit dem Tod, es ist ein Epitaph: Innige Verwandtschaft zwischen γράφειν und graben.

Der Schriftsteller weiß das. Er muss fürchten, nie tot genug zu sein. Weiterlesen

Le dimanche de la vie oder wie man zu Hegel wird

Der Titel meines Vortrages1 mag vielleicht zu einiger Verwunderung geführt haben. Haben die Repräsentanten der Postmoderne nicht unentwegt mit dem Hegelianismus zu brechen gesucht? Erinnern wir uns nicht an jene Feststellung Foucaults, der zufolge unsere ganze Epoche – falls es noch die unsrige ist – versucht habe, Hegel zu entrinnen?2 Die Postmoderne, so erklärte Lyotard, bedeute das Ende jener „Metanarration“ namens ‚Leben des Geistes‘, dessen teleologische Entfaltung die eine Vernunft als Vernunft des Einen offenbare.3 Gegen die Versöhnung der Gegensätze, gegen die totalisierende Er-Innerung der Differenzen, gegen die absolute Selbstpräsenz des Bewusstseins wird das postmoderne Denken unablässig an die Pluralität von Sprachspielen und Wissensformationen, an das singuläre Ereignis und die unvordenkliche Andersheit des Anderen erinnert haben. Gewiss. Derselbe Foucault hat seine Zeitgenossen jedoch auch dazu gemahnt, sich darüber klar zu werden, welchen Preis der Bruch mit Hegel kostet, und inwieweit auch noch ihr Anrennen gegen Hegel dessen List ist. Vielleicht, dass es nicht genügt, die Differenz, das Relative, die Unvernunft selbst gegen die Einheit des Logos vorzubringen. Vielleicht, dass Hegel hier mehr als je recht gehabt haben wird. Der Hegelianismus – ist er das Gespenst der postmodernen Philosophie? Ich kann im Folgenden, hier und jetzt, nicht die Geschichte dieser schwierigen Beziehung erzählen. Aber ich möchte zumindest auf ein Phänomen hinweisen, dass die französische Auseinandersetzung mit Hegel in entscheidendem Maße geprägt hat. Ich spreche von den Versuchen einiger französischer Denker, Hegel zu simulieren, Hegel zu werden, seine Maske aufzusetzen, und dies vielleicht gerade um ihm in der Imitation seines Diskurses, in der Verdopplung seiner Worte zu entkommen. Ich werde mich diesbezüglich auf drei Denker beschränken, deren Umgang mit der Philosophie Hegels ich für besonders charakteristisch halte. Die Rede wird also sein von Alexandre Kojève, von Georges Bataille und Jacques Derrida. Weiterlesen

88, rue Mouffetard – Remarks on an Anagram by Unica Zürn

Unica-Zuern_anagrammatic-wordlist

For a long time I went along her street without noticing it. What a surprise when I reread some pages of her works recently and discovered the name of that street I often had to cross in my everyday life. Here she lived almost twenty years with Hans Bellmer, the surrealist artist and famous constructor of the Doll, whom she had accompanied in 1953 to Paris. Both shared a small two-room apartment on the first floor of the house, last backyard: Room 42 of the Hôtel de l’Espérance, which was demolished in the early 70s. Its address is the title of one of her first poems:

Achtundachtzig rue Mouffetard

Der Mond taucht auf, Ich zage, ruft

die Frau. Ach, magre Notzucht, Duft

der achtzig Affen. O Traum, du Tuch,

Geruch am Du, Tod traf zu tief nach

achtundachtzig rue Mouffetard. Weiterlesen

Das mortale cogito: Aporien der Selbstbegründung in Sein und Zeit

Kein Grund mehr zur Sorge.“

Hans Blumenberg

Bei aller Distanzierung gegenüber der Tradition – und vornehmlich der klassischen Erkenntnistheorie – spielen transzendentalphilosophische Begründungsfiguren eine unverkennbare Rolle in Sein und Zeit. Die Kantsche Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis wandelt sich bei Heidegger zur Frage nach der Bedingung der Möglichkeit des Selbst. Diese Selbstbegründung ist eine Selbstermöglichung. Es ist die Frage, wie das stets in normativ-pragmatische Handlungs- und Deutungskontexte eingebundene, darin gleichsam verlorene Dasein zu einem Verständnis seiner wesentlichen Zukunfts- und Möglichkeitsoffenheit gelangen kann. Wenn das Dasein in seinem Wesen Möglichkeit ist, dann muss der Tod als äußerste und unvertretbare Möglichkeit eine konstitutive Bedeutung für das Selbstverhältnis des Daseins besitzen. Nur im Horizont seiner wesentlichen Endlichkeit – angesichts der Möglichkeit seiner Unmöglichkeit – gewinnt es sich selbst als Entwurf. Weiterlesen