Raymond Roussel: Die Allee der Leuchtkäfer

„Einige werden posthum geboren.“

Friedrich Nietzsche

Trezel und Joussac, die beiden bibliophilen Antiquare aus Raymond Roussels erstem Theaterstück Der Stern auf der Stirn, hätten dem Publikum von einem solchen Fund nur mit Staunen berichten können: Da stirbt ein Pariser Autor, dem das Gefühl des Ruhmes alles war – die Akten der sizilianischen Behörden führen ihn als „Armand Roussel“1 – am 14. Juli 1933 unter bis heute ungeklärten Umständen in einem Luxushotel in Palermo: das leise Verschwinden eines Unbekannten. Fünfundfünfzig Jahre später entdeckt man im Dachstuhl eines Pariser Möbellagers mehrere Umzugskisten voller Manuskripte, Notizhefte, Reisetagebücher, Briefe, Widmungsexemplare und Photographien desselben Autors. Es ist der jahrzehntelang verloren geglaubte Nachlass Raymond Roussels.2 Unter den Tausenden von Seiten – darunter die monumentalen Werke La Seine und Les Noces – befindet sich auch das Typoskript eines Romanfragments, das Roussel selbst in seinem letzten Text Wie ich einige meiner Bücher geschrieben habe erwähnt, und zwar als „eine Episode, die gleich nach Locus Solus geschrieben und von der Mobilmachung im Jahr 1914 unterbrochen wurde; darin ist vornehmlich von Voltaire die Rede und einem Ort voller Leuchtkäfer“. Diese Allée aux lucioles erschien 2008 erstmals in Buchform bei den presses du réel in Dijon, um ein Jahr darauf in den neunten Band der Œuvres complètes aufgenommen zu werden. Meine deutsche Übersetzung der Allee der Leuchtkäfer ist nun zusammen mit Flio, einem anderen, von Michel Leiris bereits in den 60er Jahren veröffentlichten Nachlasstext Roussels, bei zero sharp erschienen, gestaltet und illustriert von Anton Stuckardt.

R. R. – eine Verdopplung von Anfang an..
R. R. – eine Verdopplung von Anfang an..

Roussels Allee der Leuchtkäfer beginnt zunächst wie ein zweites Locus Solus: Wieder ein Park, wieder ein Anwesen, wieder ein reicher, ganz für seine Studien lebender Gelehrter, kein Erfinder zwar wie Martial Canterel, aber ein Sammler und Liebhaber kostbarer Bücher. Doch bald schon ist alles anders, bald schon versetzt uns Roussel in einer sich immer weiter verschachtelnden Reihe von Erzählungen an die Tafel Friedrichs des Großen, der die sommerlichen Abende von Sanssouci im Schein der umherschwirrenden Leuchtkäfer mit den großen Repräsentanten des französischen Geistes verbringt. Mit leiser Ironie sabotiert Roussel die „großen Erzählungen“ der Geschichte, diese erstarrten Texturen der Tradition, um historische Figuren, Narrative und Kunstwerke in immer neue, schwindelerregende Konstellationen zu bringen. Und so ist dies auch ein Text, dessen „karnevaleske Vision der Welt und des menschlichen Tuns“3 uns lehren könnte, Roussel, den Erfinder jenes berühmten „Verfahrens“, das „einigen“ seiner Bücher zugrunde liegt, anders und neu zu lesen. Verdient hätte er es.


1 Siehe Leonardo Sciascia: Atti relativi alla morte di Raymond Roussel, Palermo: Edizioni Esse, 1971, S. 41: „Questa distrazione del cancelliere della Regia Pretura (firma illeggibile) ci rimpie di stupore più del cielo stellato sopra noi.“

2 Zur genauen Geschichte sowie zur Archivierung des Nachlasses: Revue de la Bibliothèque nationale, n° 43 (1992): Découvrir Raymond Roussel.

3 Patrick Besnier: „L’Allée aux lucioles“, in: François Piron (Hrsg.): Locus Solus. Nouvelles Impressions de Raymond Roussel, Dijon: les presses du réel, 2013, S. 106.

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